Eine neue Siedlung

LANDART EISENBERG ist ein von Peter Pilz initiiertes Kunst-Projekt sowie ein Veranstaltungsort im südlichen Burgenland. Seit 2006 finden dort künstlerische Kooperationen, Ausstellungen und Workshops statt.  Zur Zeit läuft auf dem landschaftlich reizvollen Gelände ein Kunstprojekt mit dem Arbeitstitel „EINE NEUE SIEDLUNG“. Sieben Künstlerinnen sind eingeladen, ihre Architekturvisionen und Konzepte auf dem Gelände baulich der Wirklichkeit hinzuzufügen.

Was verbirgt sich hinter dem Kunstprojekt? Warum „EINE NEUE SIEDLUNG“?

Ein kurzer historischer Abriss: Seit dem Mittelalter war der bevorzugte Aufenthaltsort der Burgenland-Roma das Grenzgebiet zwischen Ungarn, Slowenien und Österreich – hier, im südlichen Burgenland mit den Orten Jennersdorf, Oberwart u. a. existierten verschiedene Siedlungen, in denen die Roma ihr Auskommen beispielsweise als Scherenschleifer, Ziegelschläger, Pferdehändler, als Gelegenheitsarbeiter bei Bauern und als Musikanten in den umliegenden Wirtshäusern fanden.

Nach 1933 wurden ihre Siedlungen systematisch zerstört, ihre Einkommensmöglich-keiten zunächst eingeschränkt, auch das Musizieren untersagt, und sogenannte Sammellager errichtet. 1938 wurde Zwangsarbeit für die Roma eingeführt ( u.a. beim Bau der Reichs-Autobahn), Vorbeugehaft und willkürliche Verhaftungen waren an der Tagesordnung. Es folgten systematische Enteignung der Roma bis hin zum Raub ihrer Immobilien. Geschützt von lokaler Polizei und Gestapo beteiligte sich die Bevölkerung an den Plünderungen ihrer leer stehenden Häuser. Unter unmenschlichen Bedingungen starben die Roma in Konzentrationslagern – es war die systematische Vernichtung eines Volkes.

Nach Kriegsende sehen sich die wenigen überlebenden Roma den gleichen Ressenti-ments ausgesetzt: Weiterhin trägt „zigeunerisches Aussehen“ zur Stigmatisierung dieser Volksgruppe bei – auch kommen Entschädigung und „Wiedergutmachung“, Rückgabe von geraubtem Eigentum kaum oder nur in den seltensten Fällen zur Anwendung. Dass sich trotz aller Vorurteile, Anfeindung und offener Diskriminierung so etwas wie „alltägliche Normalität“ hat entwickeln können, liegt vor allem an völliger Verdrängung und Leugnung, am „systematischem Vergessen“ der unsäglichen Geschehnisse. Man sagt wieder „Grüß Gott“ zueinander, und an manchen Abenden ist im Wirtshaus eine Zigeunermusik annonciert.

Mit dem Projekt „EINE NEUE SIEDLUNG“ unternehmen die eingeladenen Künstlerinnen den Versuch, den verkitscht-verklärenden Zusammenhängen von „Zigeunerschnitzel“ und „Die-Zigeuner-sind-lustig-die Zigeuner-sind-froh“ mit Entschiedenheit zu widersprechen. Mit ihren gebauten Architekturvisionen werden unterschiedliche Blickwinkel und konkrete Aspekte entwickelt, um Sinti und Roma endlich „symbolisch neu ansiedeln“ zu können.

Eine Zeit von Krisen samt des Wiedererstarkens diffuser Ängste birgt Gefahren wie etwa das Abdriften in Fremdenhass und die Beschwörung obsoleter Führermodelle. Krypto-Faschismus und Verwendung rassistischer Begriffe sind gefährlich und eng mit einer realen Bedrohung moderner Zivilisation verbunden. Es ist die Zeit der Flucht in bürgerlich-konservative Moral und Wertvorstellungen, von Wohnungsnot und Suppenküchen, Populismus und Eskapismus, Zwangsvorstellungen und einem vermehrten Auftreten von „Wunderheilern“.

Deshalb ist es wichtig, JETZT an eine Zeit zu erinnern, die zur Mahnung zwingt und bewusst werden lässt, dass etwas fehlt: DEN VERLUST DEM VERGESSEN ENTREISSEN UND IN DER ERINNERUNG VERANKERN.

Das Projekt „EINE NEUE SIEDLUNG“ wird ein Mahnmal aus Häusern – eine von Künstlerinnen entworfene und gebaute Erinnerung – in unmittelbarer Nachbarschaft eines verschwundenen Roma-Dorfes. Dabei geht es nicht um Besitz, es wird kein Ort der Idylle oder der Bequemlichkeit entstehen, sondern ein lebendiger Begegnungsort: ein Forum des Austausches und der künstlerischen Produktion für alle, die sich dort angesprochen fühlen, über das Thema nachzudenken, zu forschen, zu arbeiten.

Thomas Hornemann 2018