KUNSTFORUM International Bd. 258, Jan-Feb 2019: „Kunstnatur/Naturkunst… nach dem Ende der Natur“ – „Land Art Eisenberg“ – Artikel von Peter Funken

 

Kunstforum Band 258

LAND ART EISENBERG. Das Kunstprojekt am Dreiländereck nimmt Gestalt an.

von PETER FUNKEN

Die Situation ist nicht nur idyllisch, sie scheint nur so auf den ersten Blick … grün, ruhig, sehr viel unberührte Natur, gutes Essen, erstklassige Lebensqualität. Doch so einfach ist es nicht – sieht man genauer hin und nicht nur auf grüne Hügel, dann stellt man fest, dass es hier im südlichen Burgenland auch recht rau hergeht; die Leute der ländlichen Grenzregion waren nie so wohlhabend, wie anderswo in Österreich, hier trinkt man mehr und stirbt auch früher, selbst wenn die Sonne fast immer scheint. Auch ist das Gebiet nahe zu Slowenien und Ungarn, wo früher auf fünf Kilometer der „Eiserne Vorhang“ verlief, strukturell konjunkturschwach mit allen Problemen, die dazu gehören. Eine durchaus eine ambivalente Situation, und darum auch eine spannende …

Peter Pilz (*1955) ist Künstler und Kurator, er lebt und arbeitet in Wien und Berlin doch vor allem auf dem Eisenberg in einem Bauernhof, der früher seinen Großeltern gehörte. Die hatten ein hartes Leben und auch die Kunst macht es einem nicht nur einfach, besonders wenn man wie Pilz einen großen Plan verfolgt, obsessiv, eigensinnig und gegen etliche Widerstände: Auf seinem hügligen Gelände oberhalb eines Teichs unweit einer römischen Siedlung setzte Pilz bereits 1993 eine erste, große Skulptur in die Landschaft – „Torony“ – ein fragiler Turm geformt aus zwei ungarischen Wachtürmen, der hier bis 1989 die Grenze zu Österreich scharf markierten. Es folgte weitere Land art, ein „Bombentrichter“, hausähnliche Bauten, Erdlöcher oder Mauern aus Lehm (vgl. Monografie in KF 228 / 2014). Und es kamen KünstlerInnen und Freunde, sie halfen eine Art Tempel zu bauen. So entstanden konkrete Pläne für eine Entwicklung des Eisenbergs zu einem Skulpturenpark:

Im südlichen Burgenland trinkt man mehr und stirbt auch früher, selbst wenn die Sonne fast immer scheint.

die Bildhauer Ronald Zechner und Tobias Hauser entwickelten Arbeiten für die Situation vor Ort, andere folgten und heute stehen bereits mehr als 20 Arbeiten auf dem Gelände, große und kleinere. Und es fanden Aktionen statt, wie die von „Resanita“ (d. i. Resa Pernthaller u. Anita Fuchs) im Wald oder an der Raab, auch Ausstellungen und viele Gespräche über Kunst. Land Art Eisenberg ist bisher ein Künstlerprojekt, es geht um eine freundschaftliche Zusammenarbeit, die nicht vorrangig vom Vermarktungskalkül bestimmt wird. Realisiert wurden in den letzten Jahren etliche Arbeiten vor Ort und immer hat Peter Pilz mit den Künstlern gearbeitet und sogar die Kosten für die Herstellung übernommen. Man müsse die Dinge schon mit Inbrunst betreiben, meint er, es gehe bei Land Art Eisenberg darum, ein Gelände zu kultivieren. Also ein Lebensprojekt, das seinen Charme vor allem aufgrund der Intensität gemeinschaftlichen Handelns entwickelt. Kann das so weiter gehen, wenn das Projekt wächst und gedeiht? Diese Frage stellt sich zunehmend, und sie verlangt nach einer Antwort.

Der „Tempel“, dieser künstlerische Funktionsbau, besteht aus einem von 6 Baumsäulen getragenen Satteldach. Der Maler Thomas Hornemann hat die Unterseite des Dachs bemalt mit Motiven, die Natur und menschliche Gemeinschaft zeigen – Vögel, Bäume, eine Schlange, Heilige, Fischer und Fische, es ist ein großes, auf Bibel und Bergpredigt Bezug nehmendes Bild, real und zugleich surreal. Hier, unter dem Bild an dem langen Tisch unterm Dach liegt das eigentliche Zentrum und der geistige Ausgangspunkt des Land Art Projekts.

Während man die Kunst entdeckt und betrachtet, schmeckt das Obst süß

Für Kunst und Künstler ist die Situation auf dem Eisenberg eine andere als in den großen und bekannten Skulpturenparks, so etwa auf der Museumsinsel Hombroich bei Neuss, in Graz oder dem Skulpturenpark Waldfrieden / Cragg Foundation Wuppertal um nur einige wenige zu nennen. Ohne deren ästhetische Ausrichtung zu bewerten, sind bei solchen Parks, die im Sinne von Freilichtmuseen angelegt sind, notwendigerweise Ordnungs – und Sicherheitsprinzipien deutlich ausgeprägt: z. B. ein klares System von Wegen oder die Trennung von Publikumsbereich und der organisatorischen Ebene. Auf dem Eisenberg dagegen findet sich eine andere Melange, ein Mix, der so gut wie nichts trennt, aber Vieles miteinander verbindet, also die Kunstproduktion mit dem Ausstellen, das Rohmaterial aus der Werkstatt mit der fertigen Arbeit, auch Wohnen und Arbeiten, Privates und Öffentliches gehen weitgehend ineinander über. Das Ergebnis ist nicht nur charmant, sondern auch evident für die Kunst, für ihre Entstehung und ihre Vermittlung, denn auf dem Eisenberg kann man der Herstellung von Kunst, ihren Voraussetzungen und Bedingungen sehr nahekommen, näher als in einem der großen Kunstparks. Hier ist es gleichsam so, als würde man beim Kochen dabei sein und aus den Töpfen essen, also nicht am Restauranttisch warten, oder dem Theater zuschauen während noch Bühnenarbeiten stattfinden. Es ist hier etwas Unmittelbares zugegen, das anderswo meist nicht stattfinden kann. Dem entspricht die Situation in der Verbindung mit der Natur (natürlich einer kultivierten Natur), denn auf dem Gelände begegnen, ja bedingen sich Skulpturen, Garten- oder Waldstücke, Lager- und Funktionsgebäude und das Ausstellen immerzu, steht parallel zueinander, geschieht zugleich und miteinander. Die Vorstellung einer Trennung verschiedener Bereiche um der Kunst willen, spielt auf dem Eisenberg demnach nur eine geringere Rolle. Dies jedoch vermittelt den Besuchern eine besondere Perspektive auf die Kunst und ermöglicht neue Erfahrungen und Erkenntnisse. Die Rede ist von einem Vorgang, einem ästhetischen wie natürlichen Entstehungs- und Veränderungsprozess, der unmittelbar die Wahrnehmung der Kunst betrifft; und ebenfalls ihr natürliches Umfeld, das sich mit den Jahreszeiten und der Witterung verändert und die Skulpturen dabei anders sichtbar macht. Dies geschieht allein deshalb, weil die Arbeiten im eisigen Schnee völlig anders erscheinen als in der Sommerhitze, aber auch aufgrund des natürlichen Alterungsprozess der Kunstwerke, sehr gut erkennbar bei der Monet zitierenden halben Holzbrücke von Tobias Hauser, die sich nach vier Jahren deutlich verfärbt hat, also beim Altwerden Patina ansetzt. Somit ist die Kunst auf dem Eisenberg das Gegenteil von einem White Cube, denn hier sind Zeit, Saison und Wetter ganz deutlich gestaltendende Bestandteile der ästhetischen Wirkung. In der komplexen, bewusst akzeptierten Collage vieler Gegebenheiten und Einflüsse wirkt das Ensemble Eisenberg deshalb heute bereits wie ein Gesamtkunstwerk.

Allein in den Jahren 2017/18 entstanden elf neue Skulpturen im Außenraum, zudem startete ein künstlerisches Hausbauprojekt, das zunehmend Gestalt annimmt. Bei letzterem geht es um eine Serie von kleinen, verschiedenartigen Holzhäusern, die auf der Wiese am Rand von Land Art Eisenberg entstehen. Zwei der Gebäude sind fast fertig, sie dienen als Wohn- und Arbeitsraum. Die Berliner Künstlerin Silvia Lorenz hat ihres mit Anbauten kombiniert: zwei rote Kioske namens K67, wie sie überall in Ex-Jugoslawien zu finden waren. 1966 entworfen von dem slowenische Designer Sascha J. Mächtig als serielles Modul für ein modernes Jugoslawien, stehen Exemplare davon heute in der Designabteilung des Moma. In dem zweiten, bereits bewohnbaren Holzhaus sitze ich und schreibe die Sätze, die Sie gerade lesen.

Land art Eisenberg hat also Fahrt auf – und Form angenommen. Die Sache beginnt nun aber die Kraft eines Einzelnen zu übersteigen; deshalb hat sich ein Förderverein gebildet, um zukünftig mehr Struktur, wie auch eine bessere Finanzierung zu ermöglichen. Vieles ist erreicht worden, ein neues Plateau gerät in Sicht und damit neue Aufgaben. Wichtig wird sein ein Marketing zu finden, das den Charakter des Projekts zu bewahren hilft, dennoch der Unterfinanzierung entgegenarbeitet und zudem die Kunst sichtbar macht. Eine komplizierte Aufgabe, womöglich zu lösen in Kooperation mit einer (Kunst)Hochschule und Fördermitteln.

Ein Lebensprojekt, das seinen Charme vor allem aufgrund der Intensität gemeinschaft lichen Handelns entwickelt.

Wie gesagt, auf dem Eisenberg stehen viele neue, eindrucksvolle Skulpturen, hier ein kurzer Überblick: Am Teich eine große Arbeit von Peter Kogler. Es ist eine Laser gefräßte Aluminium skulptur in Form einer Hand mit ausgestreckt Zeigefinger, die zudem als Steg fungiert. Von Silvia Lorenz stammt ein „Tumble Weed“ – eine transparente Kugel geformt aus Plastikröhren, Lochblechen und Leichtmetall, also Material und Abfall, aus dem überall die schöne neue Welt gebaut wird. Wie sich Natur in Kunst einbringt, zeigen zwei Holzskulpturen von Katharina Lüdicke. In die abstrakte Kastenstruktur ihrer Stelen haben Vögel Nester gebaut. Auch Christian Eisenbergers Arbeit verbindet sich mit einem Naturprozess, denn immer wenn das Regenwasserbasin am Haus von Peter Pilz überläuft, ergießt sich das Wasser über ein simpel montiertes 30 m langes Zinkrohr in den Teich. Auf seinem Weg passiert das Rohr die auf eine Pyramide gestellte Skulptur „Schwarzlochsauger“ von Walther Schmögner; es ist eine silbrige, organisch wie ebenso technisch anmutende Form, die in ihrer Mitte und am „Kopf“ zwei Posaunenartige Aus- oder Eingänge besitzt, die alles Mögliche darstellen können – Saugorgan, Mund und Genital, Waffe oder Musikinstrument. Von Matias Bechtold stammt das filigran gestaltete Stadtmodell, das einem steinalten, massiven Baumstamm aufgepfropft ist. Die Arbeit steht in einem offenen Schuppen zwischen Geräten, Maschinen und Material und fügt sich perfekt ein im Sinne des collagierenden Ausstellungskonzepts. Angelika Loderer hat Maulwurfgänge ausgegossen und in Bronze hergestellt. Dabei wird nicht Sichtbares sichtbar und erscheint spannungsvoll wie eine Skulptur Giacomettis. Karl Karners großer, schwarzer Alu-Guss entstand aus Abformungen in Wachs mit diversem Material. Es ist eine Montage, die sich in ihrer seltsamen Konkretheit erst aus der Nähe erschließt.

Natürlich verlangt die Kunst am Eisenberg die Bewegung der BesucherInnen, es geht dabei durch Wiesen und die Hügel hinab und hinauf. Peter Pilz hat Wege ins Gras gemäht, auf die im Hochsommer von den Bäumen Äpfel, Birnen und Pflaumen herabregnen. Während man die Kunst entdeckt und betrachtet, schmeckt das Obst süß. In dieser Verbindung sehe ich die Chance für das Land Art Projekt im südlichen Burgenland, doch braucht es von nun an nicht nur Freunde und Freundinnen, sondern tatkräftige Unterstützung damit auch die Zukunft gelingt.

 

Fotografie: Peter Garmusch

KUNSTFORUM Link

Artikel als PDF: 258_landarteisenberg_funken

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